Am Hoch kaufen, am Tief verkaufen – Warum viele verlieren

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein. ETFs kaufen, wenn die Kurse unten sind, ein paar Jahre warten, und dann auf hohem Niveau wieder verkaufen. Wenn ich mir einen 20-Jahres-Chart vom DAX anschaue, hätte das super geklappt.

Doch die Sache hat einen Haken: Die meisten Anleger machen eher das Gegenteil. Sie kaufen teuer und verkaufen billig. Das haben verschiedene Studien immer wieder gezeigt. [1] [2] [3] Konkret sind die tatsächlich erzielten Renditen des durchschnittlichen Anlegers fast 2% pro Jahr (!) schlechter als bei einer ganz einfachen Buy-and-Hold-Strategie. [1]

Mit anderen Worten: Der DAX mag in den letzten 20 Jahren um 400% gestiegen sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass der durchschnittliche Anleger diesen Zuwachs erzielt hat – wahrscheinlich war es bedeutend weniger.

Der Effekt betrifft übrigens nicht nur ETF-Anleger. Bei aktiven Fonds ist es genauso. Nicht aber bei Anleihen- und Geldmarktfonds – scheinbar sind hier deutlich professionellere Investoren unterwegs. [2]

“Stock returns tend to be lower after capital infusions and tend to be higher following capital distributions.” [3, S. 5]

Aber warum kaufen so viele Anleger auf hohem Niveau? Die Antwort ist vor allem psychologischer Natur: Wer bei steigenden Kursen nicht dabei ist und in den Nachrichten und von Freunden hört, dass (scheinbar) alle profitieren, bekommt das Gefühl, etwas zu verpassen.

Diese Angst ist stärker als das Risikoempfinden und trübt unser Urteilsvermögen. Man denkt, es würde von nun an immer weiter bergauf gehen. Mit jeder weiteren Aufwärtsbewegung nimmt die Ungeduld zu, und irgendwann steigt man dann einfach ein. Nur, um dabei zu sein.

Und es wird noch paradoxer. Denn wer erst einmal investiert ist, wird seine Entscheidung wegen kleiner Verluste nicht so schnell revidieren, nachdem er weit oben gekauft hat. Schließlich handelt es sich um ein “Langfristinvestment”. Mit dieser Begründung schaffen es Anleger, lange durchzuhalten, wenn die Kurse zu fallen beginnen.

Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem der Schmerz für viele zu groß wird. Oft passiert das, nachdem es tage- oder wochenlang abwärts ging und es immer nur schlechte Nachrichten gab. Es scheint dann so, als würde die Welt untergehen und es gäbe nie mehr steigende Kurse. An diesem Punkt werfen viele Anleger die Flinte ins Korn.

Das Verrückte dabei: Das Timing ist dabei erstaunlich gut. Nur eben genau verkehrt herum. Das zeigte zum Beispiel eine Grafik von BlackRock recht deutlich. Dort waren nach der deutlichen Abwärtsbewegung im Jahr 2008 auf tiefem Niveau hohe Netto-Kapitalabflüsse zu beobachten - ein ziemlich schlecht gewählter Ausstiegspunkt, und doch von vielen umgesetzt.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es leicht ist, richtig zu handeln. Das ist es keineswegs, ganz im Gegenteil. Investieren und Traden ist schwer! Leicht sieht es nur aus, wenn man die Sache von außen betrachtet (oder hinterher). Aber jeder, der schonmal mit echtem Geld diese Phasen durchlebt hat, weiß ganz genau, wie sich das anfühlt und wie stark es unser Denken und Handeln beeinflusst.

Passive Investments mit ETFs mögen eine klasse Sache sein. Aber auch das ist letztlich eine Strategie, die man durchhalten muss! In guten wie in schlechten Zeiten. Und diese Zeiten können manchmal länger andauern, als man jemals geglaubt hätte. Selbst Warren Buffett musste mit Berkshire Hathaway Drawdowns von rund 50% hinnehmen und ist langfristig dennoch (oder gerade deswegen) einer der besten Investoren aller Zeiten.

Das schlechte Timing vieler Anleger könnte noch weitere Auswirkungen haben. So gehen einige Forscher davon aus, dass dadurch bestimmte Anomalien die der Value-Effekt überhaupt erst weiter bestehen können. [1] Würden plötzlich alle Anleger “richtig herum” handeln, könnte es sein, dass die Märkte gleich viel effizienter wären.



Quellen:
[1] Hsu, J. / Myers, B. W. / Whitby, R. (2014), Timing Poorly, A Guide to Generating Poor Returns While Investing in Successful Strategies, Journal of Portfolio Management (forthcoming Winter 2016).
[2] Friesen, G. C. / Sapp, T. R. A. (2007), Mutual fund flows and investor returns, An empirical examination of fund investor timing ability, Journal of Banking and Finance, Vol. 31, S. 2796-2816.
[3] Dichev, I. D. (2004), What are stock investors’ actual historical returns, Evidence from dollar-weighted returns, Working Paper, University of Michigan.

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