Shorten oder nicht shorten? (Teil 3)

Längst nicht alle Trader können shorten

„Ein guter Trader sollte in der Lage sein, den Markt von beiden Seiten zu traden.“ Dieser Satz ist vermutlich ein Mythos. Zwar ist buchhalterisch gesehen  der Unterschied zwischen einer Short-Position und einer Long-Position nicht groß. Die psychische Voraussetzung, um erfolgreich shorten zu können, ist wie wir im zweiten Artikel dieser Reihe gesehen haben, eine ganz andere als die einfache Tat, einen Markt oder eine Aktie zu kaufen.

Gegen den Strom

Wenn Sie als Trader etwas kaufen, gehen Sie davon aus, dass dieser Wert mit der Zeit in Wert steigen wird. Damit gehen Sie konform mit dem, was gesamtgesellschaftlich unter „investieren“ verstanden wird. Verkaufen Sie aber etwas, weil es aus Ihrer Sicht überbewertet ist, gehen Sie davon aus, dass die Sache aktuell überbewertet ist, ergo in Zukunft weniger wert sein wird. Damit stehen Sie nicht auf der Seite derjenigen, die den Wohlstand der Gemeinschaft vermehren möchten.

Skeptiker nicht erwünscht

Im Gegenteil. Als Shorter haben Sie eine skeptische, um nicht zu sagen zynische, Haltung Vermögenswerten gegenüber. Dies macht Sie nicht gerade beliebt bei der Allgemeinheit, weswegen Sie Ihre Tätigkeit (und Ihre Meinung) am besten für sich behalten. Diese konträre Fähigkeit haben nur wenige Menschen. Es braucht Mut und Entschlossenheit, seinen Überzeugungen gemäß zu handeln, vor allem dann, wenn sie der Meinung der übergroßen Mehrheit widersprechen.

Gute Investoren nicht zwangsläufig gute Leerverkäufer

Zu diesem Befund kommt auch der Hedgefonds Manager Jim Chanos. „People who do the long side and short site well are very rare.“ Trader und Investoren, die gut sind sowohl als Käufer und als Leerverkäufer sind sehr selten. Am Anfang seiner Karriere, vor mehr als 30 Jahren, habe er noch nicht so gedacht, so Chanos. Aber er sei auf Grund seiner Erfahrung zu diesem Schluss gekommen. Gute Investoren sind nicht zwangsläufig gute Leerverkäufer.

Wenig Shorter

Wenn nun bei Tradern vorausgesetzt wird, dass sie wie selbstverständlich in der Lage wären, beide Seiten des Marktes erfolgreich zu traden, würde dies heißen, dass sie allesamt zu dieser seltenen Spezies gehörten, die dies tatsächlich könnten. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Die Mehrheit der Trader shortet eben nicht oder selten, und diejenigen, die es gelegentlich tun,  sind damit nicht zwangsläufig erfolgreich.

Trading-Stil sollte passen

Da aber eine Grundregel des erfolgreichen Tradens besagt, dass der Trading-Stil der Persönlichkeit des Traders entsprechen sollte, müsste die Frage „Shorten oder Nicht-Shorten?“ der größten Bedeutung beigemessen werden. Trader sollten ihre Track-Records daraufhin prüfen, mit welcher der beiden Seiten sie am erfolgreichsten sind. Stellt sich heraus, dass Short-Positionen mehrheitlich Verluste erbracht hätten, sollten sie womöglich auf das Shorten verzichten.

100%-ige Shorter?

Sollte sich aber herausstellen, dass die Short-Positionen für den größeren Teil des Gewinns verantwortlich waren, läge der Schluss nahe, sich mehr mit dem Thema Leerverkauf zu befassen. In einigen Fällen könnte sogar die Einsicht reifen, nunmehr shorten zu wollen und auf Long-Positionen zu verzichten. Es fordert gewiss einiges an Mut, diese Entscheidung zu treffen, aber auch Jim Chanos ist nicht reich geworden, indem er das tat, was alle taten.

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